Mörder ohne Gesicht

Mörder ohne Gesicht, Henning Mankell, 1993
Henning Mankell, 1993

Mörder ohne Gesicht lau­tet der Ti­tel des ers­ten Ro­mans einer Se­rie von ins­ge­samt zwölf Bän­den, die der Schwe­de Hen­ning Man­kell über sei­ne be­kann­tes­te Figur, den schwe­di­schen Kri­mi­nal­be­am­ten Kurt Wal­lan­der, ge­schrie­ben hat. Die Ge­schich­te ent­stand, als der Autor nach einem län­ge­ren Auf­ent­halt in Afri­ka in sei­ne Hei­mat zu­rück­kehr­te und von den vor­ge­fun­de­nen ge­sell­schaft­li­chen Än­de­run­gen wie vor den Kopf ge­sto­ßen war. Mit sei­nem ers­ten Wal­lan­der-Ro­man por­trä­tiert und kri­ti­siert Man­kell die­se aus den Fu­gen ge­ra­te­ne Welt, die nichts mehr mit der Sorg­lo­sig­keit des schwe­di­schen Wohl­fahrts­staa­tes zu tun hat.

Der Text wur­de in­ner­halb eines Jah­res ge­schrie­ben und han­delt – wie die nächs­ten sie­ben Nach­fol­ge­bän­de auch – in sei­ner Ent­ste­hungs­zeit; im Fal­le des ers­ten Ro­mans al­so im Jahr 1990.

Mörder ohne Gesicht – Über den Inhalt

In einer kal­ten Januar­nacht wird ein altes Bau­ern­ehe­paar in sei­nem Haus über­fal­len. Der Mann wird bru­tal ermor­det. Als die Poli­zei ein­trifft, ist die Frau noch am Leben, stirbt jedoch eben­falls, nur wenige Stun­den spä­ter im Kran­ken­haus. Ihre letzte Bot­schaft an die Ermitt­ler lau­tet: „Aus­län­der!“

Spätes­tens an die­ser Stelle ist dem Leser klar, was fol­gen muss. Presse und Öffent­lich­keit bekom­men mit, dass als Täter fremde Zuwan­de­rer unter Ver­dacht ste­hen. Kurz darauf steht ein Asy­lan­ten­heim in Flam­men. Und etwas spä­ter wird ein soma­li­scher Asyl­bewer­ber von Rechts­radi­ka­len ermor­det. Natür­lich ver­mu­tet die Leser­schaft bereits jetzt: Die Aus­län­der­hatz geht voll­kom­men an den wah­ren Hin­ter­grün­den des Dop­pel­mor­des vor­bei. Und so kommt es dann schließ­lich auch. Die Auf­lö­sung des Kri­minal­fal­les ist tri­vial.

Mörder ohne Gesicht – Gesellschaftskritik

Hen­ning Man­kell nutzt die Auf­klä­rungs­ar­beit der Poli­zei und ins­beson­dere des Pro­tago­nis­ten Kurt Wal­lan­der, um sein Bild der Zustände in Schwe­den zu illus­trie­ren. Die Poli­zei ist unter­be­setzt und über­arbei­tet. Die Men­schen sind selbst­süch­tig und grau­sam. Behör­den und deren Lei­ter sind einer­seits schlu­drig, ande­rer­seits dün­kel­haft und trun­ken von der eige­nen Wich­tig­keit. Alle öffent­li­chen Medien sind aus­schließ­lich auf der Suche nach Schlag­zei­len und bereit, ziem­lich alles für eine rei­ßeri­sche Story zu tun: über­trei­ben, erfin­den, lügen und beste­chen.

Die Morde an dem Ehe­paar und auch am Soma­lier zeich­nen sich durch ganz beson­dere Bru­tali­tät aus. Es wird gefol­tert und es wer­den Köpfe „weg­gebla­sen“, das Lei­den der Opfer ist uner­hört. Damit setzt Man­kell – wie auch in spä­te­ren Wal­lan­der-Ro­ma­nen – einen Kon­tra­punkt zum ver­meint­lich beschau­li­chen Leben in Schwe­den. Was soll aus die­sem Land bloß wer­den? Wer tut so etwas?

Mörder ohne Gesicht – Erfolgsrezept?

Unter­füt­tert wird die­ses apo­kalyp­ti­sche Bild einer unauf­halt­sam ins Deba­kel schlit­tern­den Gesell­schaft durch die Grund­stim­mung der Roman­sze­nen. Denn das Januar­wet­ter im Jahr 1990 ist natür­lich ein einzi­ger Graus mit sei­nen eisi­gen Stür­men und Matsch­schnee­ta­gen. Die müh­seli­gen Ermitt­lun­gen sind nichts ande­res als Sisy­phus­arbei­ten, die sich lei­der immer wie­der als Sack­gas­sen erwei­sen und auch noch erschwert wer­den durch Fehl­infor­matio­nen oder man­gelnde Unter­stüt­zung durch Presse und Behör­den. Unend­lich lang­sam mäan­dert der Ermitt­ler­tross über ein hal­bes Jahr hin­weg in Rich­tung der Lösung des Fal­les. – Da könnte man doch als Lese­r*in durch­aus ein­mal müde wer­den und die Lust ver­lie­ren?

Hinzu kommt, dass die­ser Wal­lan­der nicht nur als Kri­mina­list son­dern auch als pri­va­ter Mensch nicht unbe­dingt ein erbau­li­ches Leben führt. Er ist frisch geschie­den von sei­ner Ex. Er hat kaum Kon­takt zur gemein­sa­men erwach­se­nen Toch­ter und strei­tet sich stän­dig mit sei­nem ein­sam leben­den, zuneh­mend ver­wirr­ten Vater. Kurt Wal­lan­ders Lebens­füh­rung ist alles andere als ver­nünf­tig oder gesund. Er ernährt sich von Junk Food, trinkt viel zu viel Alko­hol und tut im Rausch Dinge, die ihm selbst nach­träg­lich die Haare zu Berge ste­hen las­sen. Zu guter Letzt ver­liert sich Wal­lan­der in ero­ti­schen Fan­ta­sien statt ein funk­tio­nie­ren­des Fami­lien- oder Sozial­le­ben auf­zu­bauen und zu pfle­gen. Und sein an sich simp­les All­tags­leben zu orga­nisie­ren, schafft der Mann nun ganz und gar nicht. – Müsste man nicht trüb­sin­nig wer­den, wenn man über 330 Sei­ten hin­weg einem der­arti­gen Lebens­ver­sa­ger fol­gen muss?

Eigen­arti­ger­weise ist es aber genau diese Kom­bina­tion aus Frust, Ver­sa­gen und Wei­ter­ma­chen, die zumin­dest mich auf Lese­kurs gehal­ten hat. Und nicht nur das: Sie hat mich sogar zum Wal­lan­der-Fan wer­den las­sen. Es ist aller­dings schon ein biss­chen so, wie Tho­mas Kür­ten von der KRIMIcouch.de in sei­ner Rezen­sion titelt: „Erzähl­stil und Charak­tere klasse, Hand­lung schwach und lang­at­mig“.

Eine neue Art von Helden

Warum mich die Ge­schich­te von Kurt Wal­lan­der so fas­zi­niert, kann ich viel­leicht am bes­ten mit der Ent­wick­lung des moder­nen Kri­mina­lis­ten­per­so­nals über die Zeit erklä­ren. Über all­wis­sende Ego-Ermitt­ler von Schlage eines Her­cule Poi­rot oder eines Sher­lock Hol­mes sind wir längst hin­aus. Auch der stur linear agie­rende Typ, den etwa Ste­phan Der­rick ver­kör­perte, hat seine Anzie­hungs­kraft ver­lo­ren. Da kam uns doch allen ein Kra­cher wie Horst Schi­man­ski sehr gele­gen, der sich durch die Acht­ziger­jahre prü­gelte & soff und des­sen Lieb­lings­for­mulie­rung „Scheiße!“ lau­tete.

Mit sei­nem Wal­lan­der der Neun­zi­ger geht Hen­ning Man­kell noch einen Schritt wei­ter. Sei­nem Pro­tago­nis­ten fehlt nicht nur die all­gegen­wär­tige Über­legen­heit sei­ner Vor­gän­ger son­dern gar jeg­li­che prak­ti­sche Lebens­taug­lich­keit. Er ist näm­lich einer von uns, bei dem auch stän­dig alles schief läuft; der aber nicht in der Lage ist, kon­se­quent zu rea­gie­ren, son­dern stets den Weg des gerings­ten Wider­stan­des geht. Das Lau­teste ist immer zuerst dran, alles andere muss war­ten. Er weiß wohl, dass sein Ver­hal­ten nicht rich­tig ist. Aber er hat nicht die Kraft, dage­gen anzu­kämp­fen. Und die Gesell­schaft, in der er (über)­lebt, macht es ihm nicht leich­ter.

So ken­nen auch wir das Leben. Ich bewun­dere die­sen Wal­lan­der, weil er letzt­lich doch erfolg­reich ist – und dies nur, weil er eine bewun­derns­werte Eigen­schaft besitzt: Er ist zäh und er gibt nie­mals auf. Komme, was da wolle. Glück­licher­weise kann er sich dabei auf sein Ermitt­ler­team ver­las­sen, das allen Rück­schlä­gen zum Trotze wie ein gut geöltes Uhr­werk wei­ter tickt und tätig bleibt.

Mörder ohne Gesicht – Bewertung

Beson­ders inte­res­sant am Mörder ohne Gesicht ist aus heu­ti­ger Sicht die Tat­sa­che, dass der Autor bereits vor zwan­zig Jah­ren die Asy­lan­ten­pro­ble­ma­tik beschrieb, wie wir sie gerade heute wie­der – oder immer noch – in unse­rer Gesell­schaft erle­ben. Was sich 1990 in dem Roman ereig­net, könnte genauso gut auch heute bei uns statt­fin­den. Oder bes­ser gesagt: Fin­det auch heute bei uns so statt!

Darü­ber hin­aus mag ich Man­kells sys­tema­ti­schen Auf­bau einer Figur, die gleich­zei­tig Pro­tago­nist und Pro­blem­fall ist. Er nimmt sich wirk­lich viel Zeit, uns die­sen Kurt Wal­lan­der nahe zu brin­gen und ver­ste­hen zu las­sen. Diese Geduld wird sich in den Fol­gebän­den aus­zah­len. Hätte der Autor auf die per­sön­li­che Roman­ebene ver­zich­tet oder hätte sie knap­per gehal­ten, sein Auf­schrei gegen Gewalt und Asyl­poli­tik wäre wohl unge­hört in der media­len Dauer­beschal­lung unse­rer Zeit unter­gegan­gen. Erst die Mischung macht’s!
Ich frage mich durch­aus, wie­viel Wal­lan­der in Man­kell selbst steckte. Immer­hin sind Autor und seine Roman­figur gleich alt, ledig­lich durch vier Kalen­der­tage von­ein­an­der getrennt. – Eine span­nende Frage.

Kontra?

Im Gegen­zug zu die­ser Erkennt­nis bin ich bereit, die tat­säch­lich oft lang­at­mige krimi­nalis­ti­sche Hand­lung in den Hin­ter­grund mei­ner Bewer­tung tre­ten zu las­sen. Auch wenn man den Roman des­halb gewiss nicht als Thril­ler bezeich­nen kann, wie es manch andere Buch­bespre­chung nahe legt. Denn auch die Tat­sa­che, dass der bedau­erns­werte Wal­lan­der im Laufe der Ermitt­lun­gen mehr weg­ste­cken muss als ein Schwer­gewichts­bo­xer nach zwölf Run­den gegen Mike Tyson, ändert nichts an die­ser Ein­schät­zung.
Im Grunde könnte man ja ein­mal echte Kri­minal­be­amte befra­gen; aber ich habe den Ver­dacht, dass sich poli­zei­li­che Ermitt­lungs­ar­beit im wah­ren Leben ziem­lich genau so wie in die­sem Buch dahin­zieht. (Allen­falls abzüg­lich der kör­per­li­chen Miss­hand­lun­gen des Pro­tago­nis­ten.)

Notiz am Rande: Eine pro­mi­nente Neben­rolle spie­len im Roman in ver­schie­de­nen Zusam­men­hän­gen immer wie­der Pferde. Wohl aus die­sem Grund hat der Deut­sche Taschen­buch Ver­lag bei der Umschlag­gestal­tung der ers­ten Aus­ga­ben (siehe Abbil­dung des Covers ganz oben) einen Aus­schnitt aus einem Decken­fresco des Vene­zia­ners Gio­vanni Bat­tista Tie­polo ver­wen­det. Apoll führt dem Genius Impe­rii die Kai­ser­li­che Braut zu (1751) ist im Ori­gi­nal im Kai­ser­saal der Resi­denz Würz­burg zu bestau­nen. – Eine wun­der­bare Idee, wie ich finde!

Wer diese Rezen­sion gern gele­sen hat, könnte sich even­tuell auch für Buch­bespre­chun­gen ande­rer Wal­lan­der­ro­mane inte­res­sie­ren oder meine The­men­seite über Kurt Wal­lan­der anse­hen wol­len.

Fazit:

Ich empfehle Mörder ohne Gesicht unbe­dingt allen Lese­r¦in­nen, die zum einen eine wirk­lich gute, stets unter­halt­same Schreibe zu schät­zen wis­sen und zum ande­ren gern viel Per­sön­li­ches über die Haupt­figur einer Ge­schich­te wis­sen wol­len. Sol­chen, die sich mit einer Figur iden­tifi­zie­ren kön­nen und wol­len – sei es mit Freu­den oder mit Schre­cken. Wer hin­ge­gen rasante Kri­mis oder Thril­ler bevor­zugt, der sollte bes­ser die Finger von Hen­ning Man­kells ers­tem Wal­lan­der las­sen.

Dieser Kom­posi­tion aus Gesell­schafts­kri­tik, Per­sön­lich­keits­bild und Lebens­wirk­lich­keit möchte ich drei extra-dicke Sterne von fünf mög­li­chen ver­lei­hen. Für den vier­ten Stern hat es ganz knapp nicht gereicht.

Henning Mankell: Mörder ohne Gesicht
Deutscher Taschenbuchverlag, 1993

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